Darauf bedacht, jede unnötige Bewegung zu vermeiden, hockte Syanéne in einer der hintersten und gewiss auch kältesten Ecken des Wagens, in welchen man die fünf Gefährten unsanft geworfen hatte. Die junge Frau hielt ihre Beine eng mit dem Armen umschlungen und an den Oberkörper gepresst, um sich ein wenig warm zu halten. Ihr Kinn lag auf ihren Knien. Sie hatte die Augen fest geschlossen und stellte sich so schon seit einer ganzen Weile schlafend. Die drei erniedrigenden Jahre in der Dienerschaft Lynyns hatten sie viele nützliche Dinge gelehrt. Zum einen wusste Syanéne mittlerweile gut einzuschätzen, wann ihre Herrin zu erschöpft war, um noch in die Gedanken wehrloser Menschen eindringen zu können. In wenigen Stunden würde sich die Magierin schon soweit erholt haben, dass sie diesen nassen, alten Holzwagen in Flammen aufgehen lassen könnte. Aber dass es soweit kommen würde, glaubte Syanéne nicht. Diese Legion großer, ungehobelter Söldner mit dem Zeichen Hylens überall, wo man es gut sehen konnte, machte nicht den Eindruck, als seien sie ihnen zufällig begegnet. Nein, sie schienen nach ihnen gesucht zu haben und genau zu wissen, wen sie zu erwarten hatten. Durch das Holz ihres kalten Gefängnisses hatte sie kurz nach ihrer Gefangennahme gedämpft vernommen, dass mehrere Söldner für das Entkommen einer Frau, höchstwahrscheinlich Aerin, heftigst von einer lauten Männerstimme hinuntergeputzt wurden. Und wenn dies der Fall war und diesem räudigen Haufen Söldnern tatsächlich bewusst war, dass sich bei ihren Gefangenen unter anderem eine hochgefährliche Magierin befand, würden sie die notwendigen Vorkehrungen getroffen haben. Wenn dies tatsächlich der Fall wäre, könnten ihre hylischen Peiniger auf genau drei Syanéne bekannte Möglichkeiten zurückgreifen. Zum Ersten gab es allerlei magische Wege, den Zugriff eines Manamagiers auf die Ströme der Macht zu beeinflussen, zu schwächen oder ganz zu unterbinden. Kaum ein Nichtmagier wie Syanéne wusste, welche Kombination von bestimmten Metallen, Bannsprüchen in Symbolen und in Stahl gebannte Geister nötig waren, um bestimmte Effekte zu erzielen. Und die anderen beiden Möglichkeiten bestanden darin, Lynyns schlechten Zustand so lang wie möglich beizubehalten oder einfach, sie in regelmäßigen Abständen niederzuschlagen und sie so bei Bewusstlosigkeit zu halten. Syanéne hoffte von Herzen, dass die Söldner auf die dritte Möglichkeit zurückkommen würden. Doch noch mehr als die grimmige Verachtung gegenüber Lynyn, der sie gezwungen war, zähneknirschend zu gehorchen, überwog in ihrem Herzen die Sorge. Die Wahrscheinlichkeit, dieser Situation völlig ohne Verletzungen entkommen, war verdammt unwahrscheinlich. Und was war mit Aerin geschehen? Unter ihren Reisegefährten hatte sie Aerin am Liebsten gewonnen. Wenn dieses Mädchen strahlte, schien die Sonne heller zu wärmen, und Aerin hatte die Gruppe schon oft in den hoffnungslosesten Situationen aufgeheitert. Mit der Zeit war der lachende Lockenkopf Syanéne sehr ans Herz gewachsen. Durch ihrer trockene Art, sich über die verschiedensten Dinge lustig zu machen, waren die beiden Frauen nicht selten zu albern, hinter vorgehaltener Hand giggelnden Mädchen mutiert. Syanéne drückte ihre Knie fester an sich. Nun blieb ihr nichts weiter, als zu hoffen, dass Aerin noch am Leben war. Neben ihr, im Dunkel des Wagens, stöhnte Katarn im Schlaf gepeinigt auf. Katarn. Und immer noch am Leben. Aber was da beim Kampf am Fluss passiert war, hatte sie völlig aus der Bahn geworfen. So sehr, dass sie die überlebenden Hylener, ohne auf jeglichen Widerstand zu stoßen, vom Boden aufgehoben und sie in ihr Lager getragen hatten. Was war das da an Katarns Schulter, was ihm so grauenvolle Schmerzen bereitet hatte? Und warum war Lynyn auf die Knie gesunken, als hätte sie ebensolche Schmerzen? Ja, sie hatte ihn töten wollen, aber solche furchtbaren Qualen hatte sie ihm doch nicht zufügen wollen.... Energisch schüttelte Syanéne den Kopf. So ein Blödsinn. Es war ihr egal, ob ihr ehemaliger Gefährte litt. Die Angst, ihm näher als nötig zu kommen, hatte über ihre Neugierde über die Schulter des Söldners gesiegt, was einer der Gründe war, weshalb sie sich schlafend stellte. So kam niemand auf die Idee, sie zu beauftragen, sich um diesen Kerl zu kümmern. Stimmen rissen sie aus ihren Gedanken. Die Tür wurde geöffnet und jemand in den Raum geworfen. Tuoron! Schnell schloss sie ihre Augen wieder fest zu und lauschte gespannt. „Woher soll ich wissen, wie wir hier jetzt wieder herauskommen sollen?! Tuoron klang bis aufs äußerste gereizt. Vorsichtig betastete er die nun notdürftig versorgte Wunde an seinem Kopf. Sie schien nicht gefählich zu sein, bereitete ihm aber lästigen Kopfschmerz. Noch einmal legte er den trockenen Umhang Hiros beiseite, da sein Wams und sein Hemd ebenfalls aufs Äußerste kalt und durchweicht waren. Es hätten nur Augenblicke verstreichen müssen, und schon wäre der trockene Umhang völlig sinnlos durchnässt gewesen. Im Dunkel der Nacht sah man nur schemenhaft, wie er sich den trockenen, noch warmen Umhang dankbar um den nackten Oberkörper wickelte. „Ich verstehe nicht, warum wir von Söldnern Hylens angegriffen wurden! Knurrte er, mehr zu sich als zu Lynyn, leise in sich hinein. „Man hatte mir garantiert, aus Hylen würde keinerlei Gefahr mehr ausgehen... Er hob den Kopf und suchte im Schatten des durch die Wagengitter scheinenden Mondes Lynyns Augen. „Sind alle unverletzt? Er besah sich die Schatten im Wagen. „Wo ist Aerin? Seit Tuoron im Wagen war, hatte sich Katarn nicht großartig gerührt. Das lag zum einen daran, dass er noch völlig entkräftet war, zum anderen aber auch daran, dass er sich erst einmal darauf konzentrieren wollte, einen klaren Kopf zu bekommen. Denn dieser machte ihm mindestens genauso viele Sorgen wie sein Körper. Nur langsam kehrten die Erinnerungen an den Kampf zurück und mühsam war es, sie in eine richtige Reihenfolge zu bringen und zu analysieren. „Wo ist Aerin?“, holte Tuoron die Aufmerksamkeit des Söldners wieder in die Gegenwart. Vielleicht verrottet sie unter irgendeinem Gebüsch, niedergestreckt von einem verirrten Pfeil. Freilich antwortete Katarn das nicht laut, sondern dachte es bloß. Seit Beginn des Kampfes hatte er diese Frau, die ja fast noch ein Kind war, nicht mehr gesehen. Das und die Tatsache, dass auch die Soldaten keine Ahnung über ihren Verbleib zu haben schienen, bedeutete entweder, dass sie wirklich tot war, oder dass ihr die Flucht gelungen war. Wenn sie das, was Katarn von ihr in Pescarir gesehen hatte, im Kampf geschafft hatte, war letzteres gar nicht so unwahrscheinlich. Anderenfalls… „Viel wichtiger ist, wohin es uns nun verschlägt“, unterdrückte Katarn auf eine nicht gerade den einem Herren gebührenden Respekt verdeutlichende Art und Weise die Frage desselben. Seit dem Kampf fühlte er sich Tuoron zu nichts mehr verpflichtet. Auftrag hin oder her, es war nie die Rede von kaiserlichen Truppen oder sonstigen Kräften gewesen, die einer solchen elitären Einheit wie dieser hier glichen. Einzig und alleine die Tatsache, in demselben Käfig wie dieser hochnäsige Kerl gefangen zu sein, band ihn noch an ihn. „Der Widerstand, auf den wir bei der Flucht gestoßen sind, war viel heftiger als ihr mir gesagt habt. Eigentlich will ich gar nicht wissen, warum ihr derart viel Aufmerksamkeit auf euch zieht, aber die Tatsache, dass ich mit euch hier festsitze, wirft für mich die Frage auf, was uns warum erwartet. Wenn ihr vorhabt, noch Sonnenaufgänge zu erleben, bei denen kein Gitter einen Schatten wirft, sollten wir uns Gedanken über unsere Möglichkeiten machen. Wie wäre es also, wenn ihr mir nichts entscheidendes mehr verschweigt, [i]Herr[/i]?“ Was zum -? Gerade hatte Llynyn zu einer etwas ausfürhlichern Antwort als noch vorhin angesetzt, als der eigentlich bewusstlose Söldner ihr zuvor kam und dann seinerseits Fragen stellte. Eigentlich hätte sie eher die Tatsache schockieren sollen, dass sie sich bezüglich des Gesundheitszustandes von Katarn offensichtlich geirrt hatte, aber... die Dreistigkeit, Tuoron auch noch Vorwürfe zu machen, regte sie einfach viel mehr auf! Ein wütendes Zischen entfuhr ihr, als sie zu dem Söldner herumwirbelte und ihn bemüht leise anfuhr: "Was erlaubst du dir eigentlich? Er wird seine Gründe haben, dir nicht gleich alles zu erzählen! Du bist immerhin nur ein gewöhnlicher Söldner, deine Sache ist es einzig, Aufträge welcher Art auch immer zu erledigen! Dafür wirst du bezahlt, nicht für die Unverschämtheit, Fragen zu Dingen zu stellen, die dich nicht zu interessieren haben!" Immer lauter war sie geworden, hatte sich richtig in Rage geredet. Nun hielt sie kurz inne um sich wieder ein wenig zu beruhigen, und fügte anschließend deutlich kühler und beherrschter an: "Außerdem ist es vielleicht sogar sicherer für dich, wenn du nicht alles weißt." Mehr wagte sie zu diesem Thema nicht zu sagen, letztendlich war es immer noch Tuorons Entscheidung, wieviel der Söldner erfahren durfte und was mit ihm dann vielleicht später passieren sollte. Sie hatte ihn zurechtgewiesen, das musste reichen. Während für einen Moment Stille in dem engen Gitterwagen herrschte, kam ihr nun auch endlich in den Sinn, dass möglicherweise auch Syanéne nicht so tief und fest schlief, wie sie angenommen hatte. Das wäre an sich kein übermäßig großes Problem, denn anscheinend kam bei dieser illustren Gesprächsrunde sowieso nicht viel heraus. Aber es warf die Frage auf, wie sehr ihre Fähigkeiten immer noch beeinträchtigt waren... und vielmehr noch, warum sie nach wie vor so extrem geschwächt war. Aerins Wellen konnte sie mit viel Konzentration empfangen, was dann aber wahrscheinlich daher kam, dass diese sich in der Astralwelt befand und deshalb für sie leichter wahrzunehmen war. Aber sonst... nichts. Was verdammt war nur los? Tuoron konnte nun ein Niesen nicht länger unterdrücken. Er presste die seine Kiefer aufeinander, damit seine Zähne nicht vor lauter Zittern klapperten. Wie entwürdigend. Nicht zum ersten Mal seit vielen Monden hatte er von dieser Reise, genauer gesagt von dieser Hetzjagd durch das halbe Land, gehörig die Nase voll. Er hatte nicht einmal mehr genügend Energie, sich über das eindeutig sarkastische „Herr“ des Söldners zu ereifern. Ergeben lehnte er sich mit einem Stoßseufzer gen Himmel an das kalte Holz ihres Gefängnisses. Letztendlich machte es doch keinen Unterschied. Sie schienen in die Hände einer gegen Hylen rebellierende Gruppe geraten zu sein, und einen härteren Schlag hätte ihnen das Schicksal nicht erteilen können. Dies war kein zusammengewürfelter Haufen revoltierender Bauern, dies waren von Hylen ausgebildete, junge, elitäre Soldaten, die genau wussten, was sie taten. Ganz anders als ihre bisherigen Verfolger, die es, so kam es dem Fürsten nun im Nachhinein beinahe vor, es nur darauf angelegt haben konnten, sie in diesen vorbereiteten Hinterhalt zu treiben. Von höchster Priorität war es nun ohne Frage, diese verfluchten Gitter hinter sich zurückzulassen. Sollte doch dieser Söldner erfahren, worauf er so bockig beharrte. Würden sie es jemals noch rechtzeitig schaffen, ihrem Käfig zu entkommen, würde es für Tuoron keinen Unterschied machen, diesen Katarn zu beseitigen hinter irgendeinem Gebüsch verrotten zu lassen. Jeder Mitwisser war gefährlich, aber vielleicht konnte er ihnen nun, so gestand es sich Tuoron widerstrebend ein, doch noch nützlich sein. Er hatte Katarn zwar noch nicht kämpfen gesehen, aber er stellte außer Frage, dass er diesem Söldner mit dem Schwert um Jahre überlegen war. Söldner. Primitiver Pöbel. Hörbar erschöpft begann er zu sprechen. „Mein Name ist Tuoron Arh’ad Silvanus vom Volk der Crabro’domi, welches ihr wahrscheinlich unter dem Namen „Bienenvolk“ kennt. Ich bin Fürst der königlichen Septime.“ Kurz schwang in seiner Stimme die übliche Überheblichkeit mit, aber nur für einen Augenblick. „Meine Gefährten sind Hiro, Syanéne, Llynyn und Aerin.“ Damit waren die anderen auch schon abgetan. „Ich reise im Auftrag meines Volkes, unter der Anleitung der Grabkinder und unter der Hand des roten Himmels. Seit dem Tod dieses kümmerlichen Kaisers jagen wir das Sonnenamulett. Erst vor... etwa einem Dutzend Sonnenaufgängen hat uns eine Legion der Grabkinder im Osten zukommen lassen, dass dieses von den Schattenklingen in die Valensteinsabtei gebracht worden ist. Hylen schon seit längerem ist in den Händen Csontos.“ Die letzten Worte entwichen der Kehle Fürsten wie ein Knurren. „Die Kinder und der rote Himmel werden die traurigen Überreste dieses gebrochenen Kaiserreichs überrollen wie eine Wand aus Feuer!“ Er hatte es geschafft, sich in Erregung zu reden, obwohl er es auf den Tod hasste, die Beherrschung zu verlieren. Erwartungsvolle Stille lag in der Luft, aber Tuoron, wütend auf sich selbst, machte keine Anstalten, wieder zum Sprechen anzusetzen. Er zweifelte, dass dieser Söldner auch nur die Hälfte von dem verstanden hatte, was er gesagt hatte, aber so würde er es jedenfalls nicht mehr wagen, ihm vorzuwerfen, er hätte ihm irgendetwas ach so essentielles verschwiegen. Für den Bruchteil einer Sekunde flammte brennende Wut in den Augen des daniederliegenden Söldners auf. Hätten ihn die Wachen nicht sämtlicher Waffen entledigt… er war sich sicher, dass ihn dann keine Verletzung der Welt daran gehindert hätte diesem arroganten Schwein die Klinge ins Herz zu treiben. Vielleicht hätte er ihm aber auch die Kehle durchgeschnitten, damit er noch ein paar Sekunden die Verzweiflung seines Opfers auskosten konnte. Oder aber er hätte ihm den kalten Stahl in die Magengrube gerammt. Minuten hätte es gedauert, in denen er hätte zusehen können, wie das Leben aus diesem Hundsfott entwichen wäre. Aber die Wachen hatten ihn aller Waffen beraubt, selbst derer, die er versteckt getragen hatte, und nachdem der erste Augenblick des Zorns verflogen war, dankte der Söldner ihnen im Stillen dafür. Die Offenheit Tuorons eröffnete ihm ungeahnte Möglichkeiten. Für einen Krieger, so Katarns Auffassung, war Selbstbeherrschung eine wichtige Gabe und deshalb fiel es ihm nicht besonders schwer, seinen Hass zu verbergen. Er war sich ziemlich sicher, dass sein Auftraggeber das kurze Auflodern nicht bemerkt hatte, schien der, der sich Fürst der königlichen Septime nannte, doch eher zur Resignation aufgelegt. „Das Sonnenamulett?“, presste Katarn hervor und lachte kurz und trocken auf. Der Schmerz, der nach Tuorons Worten in seiner Schulter wieder stärker pulsierte, kam ihm wie gelegen. Viel einfacher war es so die Rolle eines erschöpften, geschlagenen Kämpfers zu spielen. Wobei, im Moment spielte er weniger als dass er diese Rolle wirklich einnahm. „Ja, jetzt weiß ich, wieso wir in diesem Schlamassel sitzen. Ich selbst durfte schon die Erfahrung machen, wie schwierig es ist, an dieses Artefakt zu kommen.“ Der Söldner machte eine Pause und blickte verstohlen und ohne den Kopf zu drehen zu Syanéne. Noch ließ sie sich nichts anmerken, aber er wusste ganz genau, dass sie in diesem Moment aufhorchte. „Vor vier Jahren“, fuhr er ungerührt fort, „hatte ich selbst den Auftrag bekommen in die Valensteinabtei einzudringen und dieses Amulett zu beschaffen, doch das Schicksal spielte mir einen Streich.“ Wieder machte er eine kurze Pause und konnte diesmal auch ohne zu Syanéne hinüber zu blicken ihre Anspannung spüren. Er wusste genau, dass sie ihn nicht unterbrechen würde. Das konnte sie nicht wagen, denn da Tuoron nichts über die Vergangenheit Katarns wusste, konnte er auch nichts über die Verbindung der jungen Frau zu den damaligen Vorkommnissen wissen. In welcher Beziehung stand sie wirklich zu Tuoron? Das herauszufinden war ein Zweck der Falle, die der Söldner im Begriff war aufzustellen. „Ich kam nicht einmal in die Nähe ihrer Mauern.“ Zu keinem Zeitpunkt hatte er vorgehabt Syanénes Beteiligung preiszugeben. Nein, Tuoron hatte ohne es zu wissen dem, auf den er im Moment herabschaute, einen unschätzbaren Trumpf zugespielt und den würde der Gezeichnete nicht leichtfertig verspielen. Auch Syanéne wusste das, musste das wissen. „Dabei“, der Verletzte flüsterte nur noch und trotzdem verstand ihn jeder, „würde es mich brennend interessieren, ob ihr das schafft, was mir misslang. Gewissermaßen habe ich noch eine Rechnung offen. Wenn wir hier je wieder herauskommen und ihr noch einen Schwertarm braucht, der mit euch nach dem Sonnenamulett greift, denkt an mich, solange der Preis stimmt.“ Ohne es gewollt zu haben hatte Katarn sein Angebot so formuliert, dass es keine Lüge war. Die Perspektive Tuoron weiter zu begleiten war mit einem Mal verlockend geworden, obgleich das Ziel des Söldners ein vollkommen anderes als das des Bienenfürsten war. Und eine Rechnung hatte er wirklich noch zu begleichen. „[i]Wenn [/i]wir hier je wieder rauskommen“, hauchte er nur und wandte den Blick, den er auf Tuoron gerichtet hatte, wieder an die Decke des Gefangenenwagens. Der Köder war ausgelegt und gleich ob dieser arrogante Mistkerl auf das Angebot eingehen würde, Katarn konnte nur gewinnen. Und wenn es bloß die Erkenntnis war, wie er Syanéne zukünftig einzuordnen hatte. Ohne, dass es dem Söldner bewusst wurde, war er mit einem Mal von einem quasi Außenstehenden, der nur zur falschen Zeit am falschen Ort war, zu einem knietief in dem Krieg, der sich um ihn herum abspielte, steckenden geworden. Die Tragweite seiner Entscheidung war ihm noch nicht bewusst. Für ihn existierte im Moment nur der Schmerz, der in seiner Schulter pulsierte und der ihn von einen auf den anderen Moment um jegliche Prinzipien, denen er gefolgt war, gebracht hatte. Doch was zählten Prinzipien noch? Der Schmerz des Males war das Gewissen, vor denen er die Taten, zu denen er geschworen hatte, verantworten wollte. Bei Katarns doch sehr intensiven und vor allem unmissverständlichen Flüchen und Mordabsichten konnte Llynyn ein leises Zischen nicht vollständig unterdrücken. Einmal mehr verfluchte sie die Kopfschmerzen, die es ihr einfach nicht erlaubten, mehr als besonders intensive Gedanken und Gefühle wahrzunehmen - und dies auch nur zu dem Preis, dass ihr schon bald vor Schmerz die Augen tränten. Davon einmal abgesehen war es schon reichlich dreist, mit was dieser Söldner Tuoron so betitelte... nun, zumindest sprach er die wenig schmeichelhaften Namen nicht auch noch laut aus. Im Verlaufe der Erklärungen seitens Katarns schloss sie die Augen, um vielleicht noch etwas Interessantes aus den Schwingungen um sie herum herauszufiltern, aber Katarn hatte sich anscheinend wieder recht gut unter Kontrolle gebracht und verriet durch keine aufschlussreichen Flüche oder anderes, was ihr noch irgendwie weiterhelfen könnte, seinen wirklichen Gemütszustand. Dafür aber bestätigte sich Llynyn´s Vermutung, dass Syanéne mit diesem Söldner weitaus mehr Probleme hatte, als dessen scheinbar fälschliches Dasein als Verehrer es rechtfertigen würde. Nicht, dass sie diese Erklärung wirklich abgekauft hätte, denn schließlich kannte sie ihre Leibsklavin inzwischen ausreichend, um so etwas einschätzen zu können, auch wenn sie es natürlich nicht begrüßte, von ihr wieder einmal belogen worden zu sein. Sie wusste nämlich so langsam nicht mehr, womit sie Syanéne noch bestrafen sollte. Sie waren ständig auf der Flucht, deshalb schieden körperliche Schmerzen, sofern sie ein gewisses Maß überschritten, aus. Immerhin würde ein schreiendes oder wahlweise auch bewusstloses Bündel sie zu sehr behindern, als dass Tuoron es gutgeheißen hätte. Mit seelischen Foltermethoden kannte sie sich hingegen zwar aus, wusste aber auch, dass hier die Nachwirkungen noch unberechenbarer und vor allem auch gefährlicher waren. Wieder einmal verfluchte sie den Umstand, dass Tuoron es nach dem bedauernswerten und für sie auch peinlichen Zwischenfall in Kardeen, als sie auf dem Pferderücken festgebunden werden musste, für nötig befunden hatte, Syanéne als persönlichen Schutz an sie weiterzugeben. Er selbst war damit natürlich aus dem Schneider. Unwirsch schnaubend blickte sie kurz in Richtung des Bienenfürsten und wurde dann auf Hiro aufmerksam, der anscheinend einen Anfall oder etwas in der Art hatte, da er sich unterdrückt hustend und leise röchelnd an Tuoron gelehnt hatte. Woher sollte sie denn auch wissen, dass Hiro einfach nur versuchte, sein Lachen zu unterdrücken, welches ihn immer wieder befiel, seit Tuoron [hier vollständigen Namen einsetzen] sich so hochtrabend vorgestellt hatte, und daran inzwischen fast erstickte? Sie wandte sich wieder Tuoron zu und bedachte ihn noch mit einem letzten warnenden Blick, denn es war vielleicht nicht zu vermeiden gewesen, den Söldner einzuweihen, aber er musste trotzdem nicht mehr erfahren als unbedingt notwendig war. Mit jedem Wort, das Syanénes ehemaliger Waffengefährte über ihren gemeinsamen Auftrag vor vier Jahren preisgab, wurde es für sie mehr und mehr zu einer Qual, ruhig dazusitzen und sich schlafend zu stellen. Panik und Verzweiflung kroch unaufhaltsam in ihr empor. Ihr Magen erschien ihr plötzlich unendlich schwer, als wäre er aus Blei. Das durfte doch nicht wahr sein! Kaum wussten die beiden Männer auch nur einen halben Tag von der Existenz des jeweils anderen, schon plauderten sie in aller Ruhe über das, was Syanéne seit Jahren, in denen sie mit dem Bienenfürsten reiste, krampfhaft versuchte, zu verbergen. Ihr Geheimnis, für dessen Bewahrung sie in einem Moment der Überreaktion bereit gewesen war, Katarn zu töten. Doch auch Kampfesrausch ist keine Entschuldigung. Sie hatte keine Ahung, was sie tun würde, wenn dieser unglückselige Söldner ihren Namen in einem Atemzug mit dem Sonnenamulett nannte. Sie wusste nur, dass sie etwas tun würde. Himmel, es würde ja schon ausreichen, wenn er nur intensiv genug an sie denken würde! Ihr Blick huschte zu dem Schemen, der die gekrümmte Gestalt von Llynyn ausmachte. Verfluchtes, hellseherisches Weib! Unterdessen schien sich Tuoron königlich zu amüsieren, trotz des bedenklichen Hustenanfalls Hiros. Den aufblitzenden Hass in Katarns Augen hatte dieser nicht im geringsten wahrgenommen. Zum einen, weil seine Augen im Dunkeln zu schlecht waren, um wenigstens grob die Silhouette des Söldners auszumachen, und zum anderen, weil Tuoron nur selten anderen Gefühlen als seinen Eigenen Aufmerksamkeit zukommen ließ. Nein, Tuoron lachte nur kurz amüsiert auf. „Was, nicht einmal in die Nähe der Mauern? Und ich gedenke euch, für euer Können Geld zu bezahlen? Da seid ihr ja nicht einmal weiter gekommen als...“ Mit einem Mal wich alle Arroganz aus den Zügen des blonden Mannes. Ihm war der stechende Blick, mit dem ihn Llynyn im Dunkeln bedacht hatte, endlich bewusst geworden. Und wie ein Schlag schien eine Erinnerung zu treffen. Für einen Moment blickte er Katarn an, als hätte dieser ihm angedroht, ihn zu ohrfeigen, aber nur für einen Moment. Seine nächsten Worte schien er mit äußerstem Bedacht zu wählen. „Ihr versteht doch sicher, dass ich aus Gründen des Vertrauens wissen muss, wer euer Auftraggeber war?“ Katarn ließ sich mit der Antwort einen Moment Zeit. Diesen Moment konnte er sich leisten, das wusste er. Bei solchen Fragen war es eher ein Zeichen von Unehrlichkeit, wenn eine zurecht gelegte Antwort wie von der Armbrust geschossen heraus kam. Doch ihn beschäftigten nicht der Inhalt seiner nächsten Worte sondern die Begleitumstände von Tuorons vorherigen. War der Söldner zu weit gegangen? Mit einem Mal wurde ihm mit Schrecken klar, dass er sich auf sehr dünnes Eis begeben hatte, anscheinend geleitet, nein, geblendet von Tuorons trotzigen Erklärungen, die alte Gefühle und Erinnerungen geweckt hatten. Mit einem Mal war das vier Jahre alte Ziel zum greifen nah gewesen – und Katarn, für den Berechnung und Zurückhaltung Maximen gewesen waren, hatte sich einfach auf die Gelegenheit eingelassen. Aber nun gab es kein Zurück mehr und der Söldner hasste sich schon jetzt dafür. „Der damalige Auftraggeber ist mir nicht namentlich bekannt“, antwortete er dem Bienenfürsten und seine Worte entsprachen sogar der Wahrheit. „Um genau zu sein bekam ich den Auftrag über einen Mittelsmann, der meinte, sein Auftraggeber sei reicher Kaufmann, der sich für alte Artefakte interessiert. Ihr wisst doch, wie es bei Söldnern zugeht: Wir haben nicht nachzufragen und uns mit dem zu begnügen, was man uns sagt. Wenn ich mich recht entsinne, habt ihr mir in Pescarir auch nicht euren Namen genannt. Welch ein Irrsinn…“ Die letzten, gehauchten Worte hatte er mehr an Llynyn, deren aufbrausender Einwand erst jetzt eine Reaktion des Söldners fand, als an Tuoron gerichtet. Schließlich wandte er sich vollständig an die Frau, was ihn nicht mehr als das Neigen des Kopfes um ein paar Grad kostete. „Oder ist es etwa nicht töricht ein Schwert für den Kampf zu erwerben und die Klinge stumpf zu belassen?“ Eine Pause schlich sich in die Dunkelheit. Eine Pause des Schweigens. Llynyn sagte nichts. „Ich verstehe, Herrin.“ Schwächer klangen diese Worte.